Zusammenfassende Bemerkungen zur Côte d’Ivoire, dem Bürgerkrieg und den Wahlen 2010

(Photo: Wikipedia Commons/Flickr/DFID)

Im Folgenden soll die komplexe Konfliktgeschichte der Côte d’Ivoire präsentiert werden. Nach einem Überblick der Geschichte von 1960 bis 2010 wird das Konzept der Ivoirité diskutiert. Dabei liegt die Aufmerksamkeit auf der Frage, unter welchen Bedingungen diese Ideologie entstehen konnte und wie sie den Konflikt prägen konnte. Im diesem Kontext soll kurz erörtert werden, inwieweit die Ivoirité innerhalb des politökonomischen Ansatzes „Gier und Groll“ von Paul Collier verortet werden kann.

1. Überblick der ivorischen Geschichte von 1960 bis 2010

Die Côte d’Ivoire erstreckt sich über 325 000 Quadratkilometer an der afrikanischen Atlantikküste und hat etwa 18 Millionen Einwohner. Sie grenzt an Liberia, Guinea, Mali, Burkina Faso und Ghana. Das heutige Territorium ist Ergebnis kolonialer Grenzziehungen, die weder natürlichen noch kulturellen Grenzen entsprechen. So vereint es Regionen, deren Kultur und Geschichte sich unterscheiden und trennt andere, die kulturell und geschichtlich verbunden sind. Wirtschaftlich und politisch stabil, wenn auch autoritär regiert, schien das Land anfangs über ethnische Differenzen erhaben zu sein. Dies lag an der Politik des Präsidenten Félix Houphouët-Boigny. Der charismatische „père de la nation“ lenkte den Staat über 30 Jahre mit einem aufwendigen Patronage-System unter Bevorzugung seiner Ethnie, der Baoulé. Ab 1985 geriet die Stabilität jedoch ins Wanken und sozioökonomische Probleme traten zum Vorschein. Auf politischer Ebene erfuhr das Land durch das Konzept der Ivoirité diverse Erschütterungen, die 1999 in einen Staatsstreich und seit 2002 in den Bürgerkrieg mündeten.

1.1   Staatsgründung 1960 und Houphouët-Boigny-Regime bis 1993

Am 7. August 1960 wurde das Land unter dem Staatsgründer und seiner Parti Démocratique de Côte d’Ivoire (PDCI) von der französischen Kolonialmacht unabhängig. Seine Herrschaft fußte in erster Linie nicht auf Gewalt, sondern auf Klientelismus, Patronage und der relativen Zufriedenheit der Gesamtbevölkerung aufgrund des Wirtschaftswachstums. Um 1970 war das Land weltgrößter Kakao- und drittgrößter Kaffeeproduzent und im Begriff eine Lebensmittel-, Textil- und Düngerindustrie aufzubauen. Die Caisse de Stabilisation unterstützte den Aufschwung zusätzlich mit einem Preisstabilitätsmechanismus für die Erzeuger. Die auf demokratischen Prinzipien beruhende Verfassung wurde in der Folgezeit jedoch faktisch ausgehebelt. Dominierend war stattdessen das Paradigma der „grilleurs d’arachides“ (Erdnussröster): Wer Macht ausübte, sollte nicht daran gehindert werden. Ähnliches galt für Landnutzung: „La terre appartient a celui qui la met en valeur.“ Landkonflikte zwischen Autochthonen (Einheimische) im Süden und Allogenen (Zugezogene) aus dem Norden waren die Folge. Die Arbeitsmigration war von der Regierung bewusst gefördert worden, um den Plantagen billige Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen. Eine andere Schattenseite des ivorischen Modells waren Disparitäten zwischen florierenden Städten und verarmenden ländlichen Gebieten, insbesondere im Norden. Die folgende Landflucht verursachte einen Anstieg der urbanen Arbeitslosigkeit. Nach 1975 brachen die Kakao- und Kaffeepreise ein. 1980 zwang der IWF Houphouët-Boigny zu Strukturanpassungsmaßnahmen. Um 1990 war der Staat quasi bankrott und musste den Schuldendienst einstellen. Houphouët-Boigny war gezwungen, weitere Sparmaßnahmen in Form von Privatisierungen, Sozialabbau und Preiserhöhungen durchzuführen. Die Lebensbedingungen verschlechterten sich, die Arbeitslosigkeit nahm zu. Im Oktober 1990 fand aufgrund des Widerstands gegen den Einparteienstaat erstmals eine pluralistische Präsidentenwahl statt bei der sich Houphouët-Boigny gegen Laurent Gbagbo vom Front Populaire Ivoirien (FPI) durchsetzen konnte. 1993 endeten Ära und System des Houphouët-Boigny mit dessen Tod (vgl. Akude 2009, Bah 2010, Badmus 2009).

1.2   Regierung Henri Konan Bédié  und Putsch von Robert Guéï

Die Nachfolge trat verfassungsgemäß Parlamentspräsident Bédié, auch ein Baoulé an. Alassane Dramane Ouattara, Premierminister unter Houphouët-Boigny, zog den Kürzeren. Anfangs profitierte Bédié vom Anstieg der Rohstoffpreise, der zur Erholung der Wirtschaft beitrug, aber 1994 durch eine Abwertung des westafrikanischen Franc CFA neutralisiert wurde. Bédié entledigte sich seines Konkurrenten Ouattara durch eine Wahlrechtsreform, die dessen Kandidatur aus staatsbürgerlichen Gründen ausschloss. Nach einem Wahlboykott durch Gbagbo wurde Bédié 1995 mit 96% zum Präsidenten gewählt. 1998 setzte er eine Verfassungsreform durch, um seine Amtszeit von fünf auf sieben Jahre zu verlängern. Ende 1999 erlebte die Côte d’Ivoire den ersten „coup d’état“ ihrer Geschichte: Unzufriedene Soldaten ernannten den General Guéï zum Führer einer Militärregierung. Dies beschleunigte den wirtschaftlichen Niedergang und destabilisierte die Loyalitäten innerhalb der Armee. Dennoch wurde der Putsch von den Ivorern begrüßt, die sich Maßnahmen gegen die mit Bédié assoziierte Ivoirité sowie die Korruption erhofften. Oktober 2000 ließ Guéï Wahlen zu, jedoch wiederum unter Ausschluss von Ouattara. Als klar war, dass Gbagbo gewinnen würde, weigerte Guéï sich, dies anzuerkennen und wurde daraufhin zum Rücktritt gezwungen – Gbagbo wurde Präsident. Es kam zu Zusammenstößen zwischen FPI und dem Rassemblement des Républicains (RDR) von Ouattara. In den Folgemonaten fanden Kommunal- und Regionalwahlen statt, bei denen sich eine extrem niedrige Wahlbeteiligung und eine „Balkanisierung“ durch ethnisch geprägte Stimmverteilungen zeigte. Gbagbo wurde kurz später mit einem Putschversuch konfrontiert, der nur mit Mühe abzuwenden war. Zur Aussöhnung wurde 2002 eine Allparteienregierung gebildet, die aber nur kurz Bestand haben sollte (vgl. Bah 2010, Bellamy/Williams 2011).

1.3   Bürgerkrieg und Teilung des Landes

September 2002 erhob sich ein Teil der Armee gegen die Regierung Gbagbo. Dies war der Beginn des eigentlichen Bürgerkriegs. Der Putsch scheiterte in Abidjan, wo loyale Truppen die Oberhand behielten, die Aufständischen brachten jedoch die Nordhälfte des Staates und die zweitgrößte Stadt Bouaké, unter ihre Kontrolle. Das Gebiet teilte sich zwischen den Rebellengruppen MPCI, MPIGO und MJP auf, die kurze später zu den Forces Nouvelles (FN) fusionierten. Frankreich ignorierte trotz des Verteidigungsbündnisses Gbagbo’s Ruf nach Unterstützung, worauf sich die Beziehungen weiter verhärteten. Überall entstanden Milizen, vor allem durch Jugendgruppen wie den Jeunes Patriotes (JP) oder die Studentenvereinigung FESCI unter Charles Blé Goudé (später JP-Chef und Jugendminister Gbagbos). Auf Rebellenseite gab es bei der Milizbildung ähnliche Entwicklungen. Die regionale Verfügbarkeit kleiner Feuerwaffen verstärkte die Privatisierung der Gewalt. Die Ende 2002 in Accra vereinbarte Waffenruhe und Entwaffnung kamen nicht zustande, woraufhin sich Frankreich um eine neue Verhandlungsrunde bemühte. In Linas-Marcoussis wurde 2003 ein später heftig kritisierter Friedensvertrag erarbeitet: Weitreichende Zugeständnisse, die Gbagbo auferlegt wurden, erweckten den Eindruck, Frankreich sei auf Rebellenseite (vgl. Banégas 2011).

In einer Pufferzone zwischen den Fronten wurden 6300 Blauhelme stationiert (ONUCI, später aufgestockt auf 12000), zusätzlich zu ca. 4500 französischen Soldaten der Opération La Licorne. In der Folge fand eine gewisse Radikalisierung der bis dahin ethnisch moderaten Politik von Gbagbo statt. Im November 2004 verletzte die ivorische Armee FANCI, mit dem Ziel das Land wieder zu vereinen, den Waffenstillstand durch Luftangriffe auf Ziele im Norden. Dabei kamen französische Soldaten ums Leben als Bouaké bombardiert wurde. Daraufhin vernichtete Frankreich die gesamte ivorische Luftwaffe und beschoss den Präsidentenpalast in der Hauptstadt Yamoussoukro. Es kam zu antifranzösischen Protesten und Plünderungen in Abidjan. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte die ivorische Regierung für den Bruch des Waffenstillstands mit der Resolution 1572 und verhängte ein Waffenembargo für das ganze Land (vgl. Mehler/Biallas 2005).

1.4   Das Abkommen von Ouagadougou und der Weg zu den Wahlen 2010

Während die Kampfhandlungen anhielten, verlängerte das Abkommen von Pretoria Gbagbo’s Amtszeit um ein Jahr, ihm an die Seite gestellt wurde aber der parteilose Charles Konan Banny zur Vorbereitung der Wahlen, was jedoch fehlschlug. Im März 2007 fanden weitere Verhandlungen zwischen Gbagbo, Ouattara, Rebellenführer Guillaume Soro und Bédié unter Vermittlung von Blaise Compaoré in Ouagadougou statt. Das resultierende Abkommen hat die Besonderheit, dass es erstmals genuin ivorischer Initiative entsprang und das Problem der Staatszugehörigkeit konkret thematisierte, obgleich keine endgültige Lösung dafür gefunden wurde. Es machte Soro zum Premierminister und umfasste Einigungen zu Identitätspapieren, Wählerverzeichnissen und einer gemeinsamen Armee. Danach wurden 480 000 neue Geburtsurkunden ausgestellt. Die Wahlen sollten 2008 stattfinden, wurden aufgrund von Registrierungsproblemen aber wieder einmal verschoben (vgl. Bah 2010).

Ende 2010 fanden die Wahlen schließlich doch statt. Gbagbo und Ouattara setzten sich in der ersten Runde gegen Bédié und weitere Kandidaten durch und gingen in die Stichwahl. Die durch Ouagadougou etablierte und mit der Durchführung beauftragte unabhängige Wahlkommission CEI, die zum Großteil aus Vertretern der Opposition zusammengesetzt war, veröffentlichte (in dessen Beisein!) vorläufige Ergebnisse zugunsten von Ouattara. Daraufhin legte Gbagbo Beschwerde beim regierungsnahen Verfassungsrat ein. Eine Prüfung in nördlichen Wahlbezirken (in denen laut HRW kaum Beobachter zugelassen waren) gab ihm Recht: Die Wahl wurde teilannulliert, das Ergebnis zugunsten Gbagbos geändert. Die UN (damit auch Ouattara) missachteten durch die unmittelbare Zertifizierung der Ergebnisse der CEI ivorisches Recht. Da sie dieses laut UN-Charta, §2, respektieren müssen, brachen sie internationales Recht. Da die ivorische Verfassung eine teilweise Annullierung nur im Sonderfall zulässt, brach auch Gbagbo geltendes Recht (vgl. Makosso 2011, Charvin 2011).

Es folgten gewalttätige Übergriffe beider Seiten. Während die FN mit befreundeten Milizen die FANCI und Sympathisanten Gbagbos angriffen, zielten die Attacken der Gbagbo-Einheiten, JP und FESCI auf RDR und die ONUCI. Ouattara verlangte, während die Auseinndersetzungen sich ausdehnten, auf internationaler Ebene eine militärische Intervention. Sowohl UN als auch ECOWAS drohten mit einer solchen, die jedoch letztlich nicht zustande kam. In Abwehr zur internationalen Einmischung bemühte Gbagbo einen immer nationalistischeren Diskurs und intensivierte seine militärischen Offensiven. Anfangs war er strategisch im Vorteil, da ihm Armee und Staatsapparat zur Verfügung standen, ab Februar 2011 griffen aber die internationalen Sanktionen und immer mehr Gbagbo-Soldaten desertierten sodass sich das Blatt wendete. Im Laufe weiterer Offensiven gelang es den FN nach und nach das ganze Land zu erobern, Gbagbo in die Enge zu treiben und schließlich am 11. April mit französischer Hilfe in Abidjan zu fassen (vgl. Bellamy/Williams 2011, Banégas 2011).

2. Das Konzept der Ivoirité

Nun soll, mit Hilfe gelegentlicher Rückgriffe auf die historischen Kapitel, detaillierter auf die Entstehung und den Einfluss der Ivoirité eingegangen werden. Das Konzept der Ivoirité ist eine xenophobische Neuerfindung des ivorischen Staatsbürgers, die unter Bédié initiiert wurde und somit die über 30jährige Zweckallianz der Nordbevölkerung mit der PDCI beendete. Nach seiner Machtübernahme wandte sich Guéï zunächst vom Konzept ab, nahm es aber nach kurzer Zeit, in einer seinem eigenen ethnischen Hintergrund angepassten Form, wieder auf. Unter Gbagbo wurde es graduell zur impliziten sozioökonomischen Staatsdoktrin ausgebaut. Merkmal des Konzeptes ist die negative Definition des Bürgers („Wer ist nicht Ivorer?“). Es differenziert zwischen „Ivoiriens de souche“ (Autochthone), „Ivoiriens de circonstance“ (Allogene) und Ausländern (vgl. Woods 2003).

2.1   Ethnische Struktur Côte d’Ivoires

In der Côte d’Ivoire werden 77 Sprachen gesprochen, es ist davon auszugehen, dass dies auch die ungefähre Anzahl der Ethnien innerhalb des Territoriums ist. Hauptverkehrssprachen sind, neben der Amtssprache Französisch, Baoulé und Dioula. Unter den ethnischen Gruppen des Landes nehmen die Kwa, bzw. Akan (v.a. Baoulé, Anyi & Akié) im Südosten eine seit der Unabhängigkeit dominierende Position ein. Weitere Bevölkerungsgruppen sind Kru (v.a. Bété, Guéré & Wè) im Südwesten, Gur und Senoufo im Nordosten sowie Mande (v.a. Malinke, Dan & sog. Dioula) im Nordwesten. Viele Gruppen sind grenzüberschreitend, so finden sich auch Kwa/Akan in Ghana und Mande sind ebenfalls in Mali und Burkina Faso beheimatet. Religiös ist die Aufteilung gleichmäßig in Muslime, Christen und andere Religionen; Muslime eher im Norden, Christen eher im Süden (vgl. Charvin 2011).

2.2   Entwicklung der Ivoirité als künstliche ethnische Kategorie

Die Ivoirité als nationalistische Ideologie hat ihre Ursachen in der Kolonialzeit und der Regierungszeit Houphouët-Boignys. Zunächst bewirkte die französische Kolonialherrschaft eine ethnische Hierarchisierung (Mande & Gur vor Akan vor Kru) welche später unter Houphouët-Boigny uminterpretiert wurde (Akan vor Kru vor Gur & Mande) und als Grundlage der Ivoirité diente. Damals wurden ethnopolitische Arrangements jedoch noch von der einwanderungsfreundlichen Ausrichtung unter Houphouët-Boigny während des wirtschaftlichen Aufschwungs vernebelt: Der „houphouëtistische Kompromiss“ bestand aus drei Elementen: Offenheit nach außen (Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Norden, Auslandsdirektinvestitionen), Etablierung einer ivorischen Mittelklasse durch Patronage (größtenteils der PDCI nahestehender Baoulé) sowie paternalistische Kontrolle der ethnischen Vielfalt. Unter Houphouët-Boigny wurden Spannungen zwischen Baoulé und anderen Ethnien politisch kontrolliert und konnten daher nicht ausbrechen. Aus machttaktischen Gründen wurde immer wieder anderen Gruppen Zugang zu Ämtern gewährt, ähnlich wie unter Mobutu in Zaire geschehen. So festigte sich eine künstliche ethnische Hierarchie (vgl. Bah 2010).

Im Gegensatz zu ethnischen Diskursen in anderen Kontexten war es hier also der Staat selbst, der die Ivoirité mitentwickelt hat. Die lange geförderte Zuwanderung aus dem Norden wurde ab 1990 zu einer Belastung. Die Entwicklung der Ivoirité ist daher auch als Reaktion auf die veränderte wirtschaftliche und politische Lage zu betrachten: Wettbewerb um knappe Ressourcen und das Verschwinden der integrativen Kraft des Staatsgründers führten zu einer Auflösung der nationalen Integration. Menschen aus dem Norden wurden fortan als „Eindringlinge“ betrachtet. Im Zuge der Entwicklung und Radikalisierung des Konzeptes wurden so Namen und Begriffe wie RDR, Ouattara, Dioula, Norden, Islam und Ausländer zu einem feindbildlichen Potpourri vermengt, während der Süden (Akan und Kru) zur „Côte d’Ivoire essentielle“ stilisiert wurde. Die Nichtzulassung Ouattaras zu den Wahlen 1995 als die Ivoirité während des Wahlkampfes Eingang in den öffentlichen Diskurs fand ging mit der Radikalisierung des Konzeptes einher, was sich auch in den Medien offenbarte. Ethnozentrische Berichterstattung war auf beiden Seiten des Konflikts auch in der Folgezeit ein zentrales Werkzeug. Ideologen im Umfeld von Bédié (v.a. Koffi und Bouah) propagierten die Ivoirité als Quelle der kollektiven Identität des Landes, begründet mit sozialen und ethnischen Argumenten. Von Koffi stammt dazu: „Pour construire un Nous, il faut le distinguer d’un Eux.“ Bouah definierte in diesem Kontext die Ivoirité als „l’ensemble des données sociologiques, géographiques et linguistiques qui permettent de dire qu’un individu est citoyen de Côte d’Ivoire ou Ivoirien. […] L’individu qui révendique son ivoirité est supposé avoir pour pays la Côte d’Ivoire, né de parents ivoiriens appartenant à l’une des ethnies autochtones de la Côte d’Ivoire.“ Dies widersprach dem damals noch gültigen Gesetz, dass alle, gleich wo geboren, die einen ivorischen Elternteil besitzen, Ivorer sind. Darüber hinaus garantierte ein weiteres Gesetz die Erlangung der Staatsbürgerschaft qua Naturalisierung. Legalistisch betrachtet war das Bürgerschaftsrecht also vor Verankerung der Ivoirité eine eher liberale Mischung aus ius sanguinis und ius solis (vgl. Akindès 2004, Badmus 2009).

2.3   Institutionalisierung und Politisierung der Ivoirité

Die Ivoirité wurde im Zuge der Regimewechsel um die Jahrtausendwende in einem politisch fragilen, volatilen Kontext mehrmals von den herrschenden Eliten zu jeweils ihrem Vorteil uminterpretiert, in ihrer Stoßrichtung jedoch bewahrt. 1998 veröffentlichte der Conseil Social et Economique einen Bericht, der darstellte, wie Ivorer wirtschaftlich unter massiver Zuwanderung der „Eindringlinge“, vor allem aus dem Norden, zu leiden hätten. In nationalistischem Ton geschrieben beklagte der Bericht, dass viele wichtige Wirtschaftszweige von Ausländern dominiert seien, welche 26% der Bevölkerung darstellten und deren Arbeitslosigkeitsrate unter der „ivorischen“ läge. Schlussfolgerung war, dass die Armut der Ivorer von den Einwanderern induziert sei. Die Ivoirité fand danach Eingang in das Land- und Bodenrecht des Staates. Nach dem Putsch von Guéï änderte sich das Konzept der Ivoirité und wurde „ent-baouléisiert“, da er Yacouba (Dan, also Mande) war. War es zuvor Vehikel zur Machterhaltung der Baoulé mit leicht antimuslimischer Komponente, so wandelte es sich in eine feste sozioökonomische Rassenvorstellung: Den pauschal „Dioula“ genannten Nordivorern wurde die Staatsangehörigkeit abgesprochen. Deren ethnische Nähe zu Maliern und Burkinern diente nun gar als „Beweis“ für fehlende Ivoirité. Die Ivoirité unterminierte gesellschaftlichen Austausch und schuf ein Klima der Angst. In einer Verfassungsänderung 2000 wurden zudem Regeln für die Präsidentschaftskandidatur festgelegt, z.B. beidseitige Abstammung von ivorischen Eltern. Dies verwurzelte die Ivoirité endgültig auf juristischer Basis (vgl. Akindès 2004).

In Bezug auf die Legitimität des politischen Systems spielte die Ivoirité spätestens seit Guéï eine Rolle. Militärputsche besitzen im Kontext oberflächlicher Demokratisierung oder Pluralisierung der Politik, die oft mit steigender Korruption korrelieren, sowie systemischen Ungerechtigkeiten, eine gewisse Legitimität (negativ begründet, durch die Delegitimierung „demokratischer“ Institutionen). Im Falle Guéïs ist interessant, dass er Bédiés Idee der Ivoirité neben dessen Korruption als Argument für seinen Staatsstreich benutzte, später aber eine abgewandelte Definition derselben einführte, die er wiederum zur Festigung seiner Macht benutzte, was sich durch seine Eigenschaft als Yacouba, also Mande, eigentlich per se mit der Ivoirité widerspricht. Gbagbo, ein Bété, verfuhr in seiner Amtszeit zum Teil ähnlich, rückte „seine“ Kru-Völker jedoch neben den Akan in den Mittelpunkt der Staatsmacht. In Bezug auf die praktische Politik ist Ouattara und die Diskussion um seine Staatszugehörigkeit und Berechtigung zu politischen Ämtern exemplarisch für die Sprengkraft der Ivoirité: Er wurde sowohl positiv (im Norden) als auch negativ (im Süden) als muslimischer Dioula portraitiert. Dies zeigt, dass die meisten politischen Gruppen Ethnizität (seltener auch: Religion) im Diskurs verwendeten und auch die nördlichen Ivorer zu den sozialen Rissen beitrugen. Im Falle Ouattaras kursierten zudem zahlreiche widersprüchliche Gerüchte über seine Abstammung. Die Elite aus dem Süden sagte ihm burkinische Eltern (wechselweise Vater und/oder Mutter) nach. Außerdem habe er nach Bedarf zwischen burkinischer und ivorischer Staatsbürgerschaft gewechselt und sei z.B. als Burkiner Gouverneur der westafrikanischen Zentralbank gewesen. Fast jeder dieser Vorwürfe wurde von Ouattara mit einer ebenso plausiblen Gegendarstellung gekontert, weswegen dessen Fall letzten Endes ein wenig unklar bleibt, was jedoch nicht seine grundsätzliche Berechtigung zu Ämtern im Rahmen der ursprünglichen ivorischen Gesetze infrage stellt. Zugleich wurde im Norden vom RDR das Propagandapotential der gemeinsamen Exklusion genutzt und eine „Anti-Ivoirité“-Politik betrieben. Wie verbissen der Diskurs war, zeigte sich als die Vertreter der Ivoirité darauf pochten, dass nur wer seine ivorische Abstammung über Generationen nachweisen kann, zur Wahl zugelassen werden sollte. Dies ist unmöglich, da der Staat erst 50 Jahre alt ist und die Dokumentationslage eine sorgfältige Prüfung nicht ermöglichen würde. Einige Eliten besitzen zudem pikanterweise neben der ivorischen die französische Nationalität, so auch Gbagbo. Die Rebellion 2002 wandte sich von Anfang an gegen die Ivoirité als staatstragende Ideologie, doch erst 2007 gab es beim Ouagadougou-Abkommen einen Lösungsansatz, der das Problem der Staatsbürgerschaft berücksichtigte. Danach fand eine Neuausteilung der Ausweise statt, die unter weniger rigiden Regeln ablief. Dieser Prozess wurde in der Praxis jedoch vom noch immer ethnisch geprägten politischen Diskurs erschwert. Nach den Wahlen Ende 2010 war diese Frage einer der zugrundeliegenden Aspekte für die bekannte Eskalation zwischen Ouattara und Gbagbo (vgl. Mokassa 2011, Akindès 2004, Bah 2010).

3. Theoretische Einordnung

Nun soll auf Colliers Modell zu Gier und Groll für die Einordnung des ivorischen Bürgerkriegs, unter Berücksichtigung der Ivoirité, eingegangen werden. Es besagt, dass Rebellionen oder Bürgerkriege wahrscheinlicher sind, wenn die ökonomische Triebfeder in der Gier der Konfliktparteien besteht. Die Wahrscheinlichkeit steige mit dem Anteil von Rohstoffen am BIP, der Proportion von jungen Männern in der Gesellschaft und einem niedrigen Bildungslevel. Hinzu kommt, dass die bei Groll auftretenden Probleme kollektiven Handelns („Trittbrettfahrer“, „Zeitkonsistenz“ und „Koordination“) durch Gier neutralisiert werden. Der vorliegende Fall ist mit Gier aber kaum zu erklären, da nur die Proportion junger Männer empirisch als Erklärungsfaktor zutrifft, beispielhaft zu erkennen an den gewaltbereiten Jugendgruppen, wie den JP. Gegen die Gier-Hypothese spricht außerdem, dass die Hauptressourcen des Landes aus logistischen Gründen schwer zu plündern sind (Kakao und Kaffee im Vergleich zu seltener vorkommenden Gold oder Diamanten) und die Beobachtung, dass die Rebellen kaum mit ökonomisch motiviertem Handeln aufgefallen sind. Im Vergleich zu anderen Bürgerkriegen (z.B. Liberia, Sierra Leone) gab es in der Côte d’Ivoire also keine klassische Bürgerkriegsökonomie. Der treibende Faktor des Konflikts ist zwar ökonomischer Natur, wurde aber letztendlich durch ethnopolitische Ressentiments (also: Ivoirité) als Groll aktiviert. Im Falle von Groll als Motivation für Rebellion existieren nun folgende Faktoren: Ethnischer und religiöser Hass (hier eher dichotomische Polarisierung als absoluter Diversität), wirtschaftliche Ungleichheit, das Fehlen politischer Rechte und ökonomisches Versagen der Regierung (vgl. Collier 2000).

Für die Groll-Hypothese spricht daher, dass bestehende ökonomische Ungerechtigkeiten zwischen politisch bevorzugten und vernachlässigten Gruppen durch die Ivoirité verstärkt wurden und den Nordivorern politische Partizipationsmöglichkeiten verwehrt wurden. Die ethnischen Spaltungen sind entstanden, da die multiethnische ivorische Gesellschaft im Rahmen der Ivoirité „bi-ethnisiert“, also gegeneinander polarisiert wurde. Durch den Ausschluss vieler Bevölkerungsgruppen von der Teilhabe am „nationalen Kuchen“ bildeten sich Aufstandsbewegungen mit dem Ziel der Gleichberechtigung. Das wirtschaftliche Versagen der Regierung seit ca. 1985 und die Entstehung der Ivoirité boten einen fruchtbaren Boden für den sich in der Rebellion äußernden Groll (vgl. Woods 2003, Nordås 2008).

4. Fazit und Ausblick

Die Gründe des Konflikts in Côte d’Ivoire sind so vielfältig, dass auch nach Ouattaras Vereidigung im Mai 2011 nicht alle Rechnungen beglichen sind. Vor allem das Lager Gbagbos fühlt sich nun benachteiligt, da die bereits erwähnte juristische Analyse des Wahlausgangs beiden Kandidaten genauso viel oder wenig Berechtigung zur Präsidentschaft zusteht. Es ist abzuwarten, inwieweit dieser Zusammenhang zukünftig im politischen Alltag eine Rolle spielen wird und ob es Ouattara gelingt, die Interessen der verschiedenen Parteien und Ethnien zu einen. Zentral bleiben Fragen der Wirtschaft und der Landverteilung, sowie der Versöhnung der durch Ivoirité und Krieg entstandenen Gräben. Vieles hängt dabei von der Entwicklung der ivorischen Exportwirtschaft ab, aber auch von der Fähigkeit der neuen Regierung, die schwelenden Landkonflikte zwischen Autochthonen und Allogenen zu lösen. Nicht nur die Nord-Süd-Frage, auch die im Zuge des Krieges zusätzlich entwickelten Fronten, wie im Westen zwischen Yacouba (gemeinsam mit liberianischen Gio in der MPIGO vertreten) und Guéré (in der liberianischen Rebellengruppe MODEL mit den Krahn verbündet) sind eine Herausforderung für die Versöhnungsbemühungen. In Bezug auf den ethnisierten Diskurs im Rahmen des Konflikts muss Ouattara daher den Beweis erbringen, dass er nicht nur Präsident des Nordens, sondern des ganzen Landes ist. Hierzu ist die Aufklärung der Gräueltaten (vor allem auch derjenigen der FN und der RDR-Milizen), die Reorganisation der Streitkräfte sowie letztendlich die dauerhafte Umsetzung des Ouagadougou-Abkommens notwendig. In diesen Punkten hat sich die Regierung Ouattara bislang noch nicht durch unparteiisches Vorgehen ausgezeichnet. Ebenfalls zentral ist die Demobilisierung und Wiedereingliederung der Milizen beider Seiten, deren ethnozentrisches Handeln Hass und Misstrauen gesät hat, sowie die Arbeit der neuen Kommission für Dialog, Wahrheit & Versöhnung unter Banny, deren Akzeptanz durch die Bevölkerung fraglich ist. Zusätzliche Herausforderungen sind die humanitäre Situation und die Rückführung der (Binnen-)Flüchtlinge (vgl. ICG 2011, HRW 2011).

Literatur:

Akindès, Francis (2004): The Roots of the Military-Political Crises in Côte d’Ivoire. Nordiska Afrikainstitutet, Uppsala.

Akude, John (2009): State Collapse and Civil War in Ivory Coast, in: Ibid: Governance and Crisis of the State in Africa. The Context and Dynamics of the Conflicts in West Africa. Adonis & Abbey, London, S. 263–283.

Badmus, Isiaka Alani (2009): Even the Stones are Burning: Explaining the Ethnic Dimensions of the Civil War in Côte d’Ivoire. Journal of Social Science, Delhi.

Bah, Abu Bakarr (2010): Democracy and Civil War: Citizenship and Peacemaking in Côte d’Ivoire. African Affairs, Oxford.

Banégas, Richard (2011): Post-Election Crisis in Côte d’Ivoire: The Gbonhi War. African Affairs, Oxford.

Bellamy Alex J./Williams, Paul D. (2011): The new politics of protection? Côte d’Ivoire, Libya and the Responsibility to Protect. International Affairs, Oxford.

Charvin, Robert (2011): Côte d’Ivoire 2011. La Bataille de la Seconde Indépendance. L’Harmattan, Paris.

Collier, Paul (2000): Doing Well out of War: An Economic Perspective, in: Berdal/Malone: Greed and Grievance. Economic Agendas in Civil Wars. Lynne Rienner, London, S. 91–112.

Human Rights Watch (2011): “They Killed Them Like It Was Nothing” The Need for Justice for Côte d’Ivoire’s Post-Election Crimes. New York.

International Crisis Group (2011): A Critical Period for Ensuring Stability in Côte d’Ivoire. Africa Report N°176. Bruxelles/Dakar.

Makosso, Anatole Collinet (2011): Côte d’Ivoire. De l’impasse au Chaos: Quelle Issue? L’Harmattan, Paris.

Mehler, Andreas/Biallas, Axel (2005): Nach elf Monaten südafrikanischer Vermittlung: Keine Wahlen in Côte d’Ivoire – Friedensprozess in der Sackgasse. Institut für Afrika-Kunde, Hamburg.

Nordås, Ragnhild (2008): Identity Polarization and Conflict: State Building in Cote d’Ivoire and Ghana. PRIO, Oslo.

Woods, Dwayne (2003): The tragedy of the cocoa pod: rent-seeking, land and ethnic conflict in Ivory Coast. Journal of Modern African Studies, Cambridge.

Comments
One Response to “Zusammenfassende Bemerkungen zur Côte d’Ivoire, dem Bürgerkrieg und den Wahlen 2010”
  1. Gunnar Sturm says:

    The UNOCI prefered a final battle instead an anullation. WHY? because they wanted that Ouattara wins!!!

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