CNN-Effekt versus Manufacturing Consent

0 Einleitende Bemerkungen

Von Ulrich Wickert stammt die Aussage: „Wenn irgendwo in der Welt alle Fernsehkameras, Kriegsberichterstatter und Satelliten zusammengezogen werden, steigt das politische Fieber“. In diesem Sinne soll gezeigt werden, nach welchen Prinzipien internationale Medienberichterstattung in Krisengebieten funktioniert und welche Auswirkungen sie auf die Wahrnehmung und Bearbeitung solcher Krisen hat. Dazu muss zunächst festgestellt werden, wie Nachrichten und Berichterstattung grundsätzlich funktionieren. Die Nachrichtenwerttheorie nach Galtung und Ruge wird hier als Ansatzpunkt benutzt. Im folgenden werden zwei weitere Konzepte vorgestellt, die sich mit der Interaktion von Medien und Politik im Kontext außenpolitischer Ereignisse befassen. Zum einen der aus dem angelsächsischen Raum stammende „CNN-Effekt“ der von verschiedenen Kommunikations- und Medienwissenschaftlern wie z.B. Robinson, Mermin, Jakobsen oder Livingston geprägt wurde. Zum anderen „Manufacturing Consent“ von Herman und Chomsky, ein kritischer und politisch engagierter Ansatz aus den USA. Die Auswahl dieser Konzepte erfolgte im Zuge der Überlegung, dass beide einen jeweils konträr gelagerten „schwarzen Fleck“ besitzen und sich so methodisch eine dialektische Herangehensweise an das Thema ergibt, wie später gezeigt werden wird. Im Anschluss daran werden kurz eine theoretische Synthese sowie wichtige intervenierende Aspekte skizziert. Der abschließende, empirische Teil beschäftigt sich auf Basis der theoretischen Auseinandersetzung mit diversen Beispielen humanitärer Krisen als spezifische außenpolitische Ereignisse und ordnet diese im Hinblick auf das Erklärungspotential der diskutierten Konzepte. Dabei soll gezeigt werden, dass je nach Rahmenbedingungen und je nach Berichterstattung verschiedene Reaktionen zur Bewältigung solcher Krisen erfolgen oder auch ausbleiben können.

1 Nachrichtenwerttheorie nach Galtung und Ruge

Ein Modell der Nachrichtenwerttheorie in der Tradition der Ansätze von Lippmann, Warren und Østgaard wurde 1965 von Galtung und Ruge entwickelt um einen theoretischen Rahmen zu schaffen, auf dessen Basis die mediale Salienz von Ereignissen analysiert werden kann. Im Vergleich zu früheren Ansätzen zeichnet es sich durch eine detailliertere Herangehensweise aus. Es basiert auf zwölf Faktoren, deren Zusammenspiel ergibt, ob ein Ereignis Nachricht wird. Die ersten acht sind kulturunabhängig, dazu kommen vier auf Industriegesellschaften anwendbare, kulturabhängige Faktoren. Da der Medieneinfluss auf Interventionen in Krisengebieten untersucht werden soll und diese meist aus Industriestaaten kommen, werden diese Faktoren ebenfalls genannt:

  1. Frequenz: Wenn ein Ereignis der Erscheinungsperiodik der Medien entspricht, wird es Nachricht.
  2. Schwellenwert: Je auffälliger ein Ereignis ist, desto eher wird es registriert und zur Nachricht.
  3. Eindeutigkeit: Wenn ein Ereignis eindeutig und überschaubar ist, wird es zur Nachricht.
  4. Bedeutsamkeit: Hat ein Ereignis große Tragweite und Betroffenheitspotential, wird es Nachricht.
  5. Konsonanz: Wenn ein Ereignis mit vorhandenen Erwartungen übereinstimmt, wird es Nachricht.
  6. Überraschung: Unerwartete, seltene Nachrichten haben große Chancen, Prominenz zu erlangen.
  7. Kontinuität: Ein Ereignis, das bereits Nachricht ist, hat eine hohe Chance, es zu bleiben.
  8. Variation: Ein Ereignis wird eher Nachricht, wenn es zur Variation aller Nachrichten beiträgt.
  9. Bezug zu Elitenationen: Ereignisse, die Elitenationen betreffen, haben Nachrichtenwert.
  10. Bezug zu Elitepersonen: Ereignisse, die Eliten betreffen, haben Nachrichtenwert.
  11. Personalisierung: Je mehr ein Ereignis personalisiert ist, desto eher wird es zur Nachricht.
  12. Negativität: Je negativer ein Ereignis, desto eher wird es zur Nachricht.

Über die zwölf Faktoren hinaus stellen Galtung und Ruge eine Additivitätshypothese auf, die besagt, dass je mehr der zwölf Faktoren zutreffen, desto höher der Nachrichtenwert eines Ereignisses ist. In Bezug auf Krisenberichterstattung gibt es Besonderheiten, denn diese unterliegt generell einer Verzerrung zugunsten negativer Ereignisse, da solche mit den in Krisengebieten beschränkten technischen und personellen Ressourcen leichter zu beobachten sind, deren Nachrichtenwert generell höher ist (vgl. Faktor 12) und negative Nachrichten häufig auch bei anderen Faktoren „besser“ abschneiden (vgl. Faktoren 2, 4, 5, 6). Warum und wann Berichterstattung passiert, hängt auch von weiteren Aspekten ab. In Krisengebieten sind das medialer Zugang, Visualisierungsmöglichkeiten des Geschehens, Relevanz im Sinne von Norm- und Rechtsverstößen, Risiko einer Intervention, Interesse von potentiell intervenierenden Staaten, aber auch innenpolitische Aspekte (vgl. auch Shubham 2009).

2 Neuere theoretische Annahmen und Konzepte

2.1 CNN-Effekt

Neben der Nachrichtenwerttheorie gibt es neuere Ansätze, die explizit die Rolle der Massenmedien in Bezug auf die Salienz von außenpolitischen Ereignissen erforschen, wie z.B. den sogenannten CNN-Effekt. Sein Ursprung lässt sich einige Jahre nach dem Zusammenbruch der bipolaren Welt verorten. Nach dem Kalten Krieg gab es eine Aufhebung der „antikommunistischen“ Allianz zwischen Medien und Politik in westlichen Industriestaaten und den Beginn einer Reihe technischer Entwicklungen im Bereich der Berichterstattung. Seit 1990 entwickelte sich zudem mit CNN (gegründet 1980) der erste auf internationaler Ebene in Echtzeit operierende Sender, der diesem Effekt den Namen verlieh.

Der CNN-Effekt basiert auf der Annahme, dass die Massenmedien ihren jeweiligen Regierungen die außenpolitische Agenda „diktieren“ können (vgl. Mermin 1997, Robinson 2006). Die Bedeutung des Konzepts war lange relativ unklar, da widersprüchlich verwendet. Militärische und politische Stimmen hatten eine Tendenz, den CNN-Effekt übertrieben darzustellen (vgl. Belknap 2001), während Wissenschaftler die Bedeutung des Effekts jüngst eher relativierten. Livingston geht davon aus, dass der CNN-Effekt auf Basis von drei Dimensionen Einfluss auf außenpolitische Entscheidungsfindung hat: 1. Beschleunigung von Ereignissen durch Echtzeitberichterstattung, die Beratungszeit knapp werden lässt, da die Schnelllebigkeit der Medien Regierungen zu schnellen Reaktionen herausfordert. 2. Bremskraft für Politik, da massenmediale Kritik für Regierungen gefährlich sein kann und bei Entscheidungen mit in Betracht gezogen werden muss. 3. Thematisierungspotential als Agenda-Setter. Neuere Überlegungen gehen davon aus, dass der CNN-Effekt vor allem in Situationen vorkommt, in denen eine Regierung keine klare Politik verfolgt und es eine sogenannte Politikungewissheit (policy uncertainty) gibt. Verfolgt aber eine Regierung konsequent eine Linie (policy certainty), ist ein CNN-Effekt unwahrscheinlich. Die Annahme, Berichterstattung riefe ceteris paribus eine humanitäre oder militärische Intervention in einer Krisensituation hervor, wurde mittlerweise relativiert. In der empirischen Auseinandersetzung wird gezeigt werden, dass es sehr wenige Beispiele gibt, in denen die Massenmedien singulär eine relevante Reaktion in einer humanitären Krise provoziert haben.

2.2 Manufacturing Consent

Eine politische Ökonomie der Massenmedien wurde 1988 von Herman und Chomsky unter der Grundthese „Manufacturing Consent“ entwickelt, wobei davon ausgegangen wird, dass die Politik den Massenmedien, die eine gesellschaftlich integrierende Funktion haben, die Agenda diktiere (≠ CNN-Effekt). In autoritären Systemen geschehe dies offensichtlich, in demokratischen implizit. In beiden Fällen sei für die gesellschaftliche Integration systematische Propaganda notwendig, vor allem in heterogenen, individualistischen Gesellschaften. Fünf sog. Filter prägen das Verhalten der Medien:

  1. Größe, Besitzverhältnisse und Oligopolisierung der Medien: Große Medienkonzerne werden zu Leitmedien, andere Medien stehen in Abhängigkeit zu ihnen. Diese Konzerne sind meist von multinationalen und –sektoralen Konzernen kontrolliert, da ihre Größe sie für Investorengruppen aus anderen Branchen attraktiv macht. Unter die Konzerne, die Medien indirekt kontrollieren, fallen unter anderem Rüstungskonzerne und Nuklearkonzerne. Oft überschneidet sich die Anteilseignerschaft an Medienkonzernen zudem mit der an Denkfabriken/Thinktanks.
  2. Werbung als Haupteinnahmequelle, Gewinnorientierung: Werbekunden üben eine monetäre „Lizensierungsfunktion“ gegenüber den Massenmedien aus, da diese von Werbung abhängig sind. Die Werbekunden wählen die Medien auf Basis der Kaufkraft ihrer Konsumenten und „Angemessenheit“ der Berichterstattung aus. Es entsteht ein System, ähnlich einem nach Vermögen gewichteten Stimmrecht in einer Wahl. Journalistische Freiheit und Ethik gerät ins Spannungsfeld von Managementgedanken und Optimierungsstrategien.
  3. Abhängigkeit von Regierungen als Informationsquellen: Es gibt eine symbiotische Beziehung zwischen Massenmedien und Regierungen sowie Bürokratien, ihren Hauptinformationsquellen. Vor allem letztere werden von den Journalisten häufig als Quelle neutraler Information (Stichwort: Statistiken, Pressemitteilungen) betrachtet und genutzt. Die PR-Abteilungen von Regierungen ersparen den Massenmedien Kosten, indem sie druckfertige Informationen verteilen, während unabhängige Quellen oft nicht die Mittel haben, einen vergleichbaren Service zu leisten.
  4. Disziplinierungsmaßnahmen gegenüber den Medien: Rücknahme von Werbebudgets, juristische Schritte sowie „Gegenpropaganda“ durch Staaten oder Konzerne.
  5. Antikommunismus (US-Patriotismus) als Quasi-Religion und Kontrollmechanismus. Klassischer Antikommunismus ist seltener geworden, aber selbst nach dem Ende des Kalten Kriegs noch existent. Dies ließe sich heutzutage „manichäische Weltbilder“ nennen, eine Methode, die sich in der politischen Kommunikation und Propaganda oft bewährt, so zum Beispiel im Kampf gegen den Terror, der als „Achse des Bösen“ im Kontrast zur „Koalition der Willigen“ bezeichnet wird.

Chomsky und Herman gehen davon aus, dass Medien Selbstzensur betreiben und als PR-Vektoren für Regierungen wirken. Die Brutkastenlüge, eine Inszenierung der PR-Agentur Hill & Knowlton, sollte etwa die Unterstützung der US-Bevölkerung für die Invasion in Kuwait vergrößern. Letztlich ist medialer Einfluss oder Kritik im Rahmen des Ansatzes generell nur bei einem Elitendissens möglich.

2.3 Synthese, Agenda-setting, Framing und Priming, technische Aspekte

In den folgenden Abschnitten werden eine Synthese und wichtige intervenierende Aspekte für die Analyse von Krisenberichterstattung vorgestellt: Piers Robinson’s Medien-Politik-Interaktionsmodell (MPI) verbindet den CNN-Effekt über die Schnittstelle Elitendissens mit Manufacturing Consent: Gibt es kein klares nationales Interesse zu einem außenpolitischen Thema ist ein Elitendissens möglich. Der CNN-Effekt kann so in Situationen, in denen eine Regierung aus wahltaktischen oder genuin humanitären Gründen (nicht aus sicherheits- oder wirtschaftspolitischen) entscheidet, eine Erklärung sein. Das MPI geht daher von zwei Grundbedingungen für humanitäres Engagement in Krisengebieten aus: Politikunsicherheit (Elitendissens) der Regierung (und des Parlaments, je nach politischem System) und (intensive) Berichterstattung. Da Manufacturing Consent Elitendissens als einzig möglichen Grund für medialen Einfluss nennt, stellt das MPI eine Synthese mit dem CNN-Effekt dar.

Unabhängig vom Einfluss der Medien auf die Politik oder umgekehrt besteht eine Verbindung zwischen Wahrnehmung von Krisen und Berichterstattung durch Agenda-Setting (Thematisierung), Framing (qualitative Emphase) und Priming (quantitative Emphase). Wenn Medien hauptsächlicher Agenda-Setter sind, ist ein CNN-Effekt wahrscheinlicher, als wenn Regierungen die Agenda-Setter in einem außenpolitischen Kontext sind, da dann eher die Gefahr von Manufacturing Consent besteht. Bei Politikgewissheit ist es jedoch irrelevant, ob die Medien sich als Agenda-Setter auszeichnen oder nicht, da sich hier laut Robinson die Politik durchsetzt. Framing wird relevant, wenn ein Elitendissens besteht. Sowohl kritische als auch affirmative Berichterstattung kann Eingang in die politische Debatte und Entscheidungsfindung erhalten. Die US-Medien tauften den Bosnienkrieg zwischen 1992–1995 vom „ethnischen Konflikt mit nur Schuldigen“ zum Krieg der „Serben gegen legitime Regierungen des ehemaligen Vielvölkerstaats“ um. Die humanitäre Intervention folgte zeitnah zu diesem „Re-Framing“. Der Krieg in Liberia 1989–2003 wurde als irrationaler „Stammeskonflikt“ dargestellt, nicht als Bedrohung regionaler Sicherheit. Somit gab es keinen Druck für eine Intervention. Häufige Kategorien für Frames sind: Empathie, Legitimität oder Rationalität. Priming ist im politischen Entscheidungsprozess ebenfalls relevant. Die Entscheidung der Medien, über welche Ereignisse wie viel berichtet wird, beeinflusst, worüber Rezipienten nachdenken. Dieser Aspekt ist im Kontext sogenannter „vergessener Krisen“ oft entscheidend.

Neben politischen Rahmenbedingungen spielen auch technische Entwicklungen eine Rolle bei der Berichterstattung über Krisengebiete: Mobile Endgeräte (z.B. Smartphones, Handies), Videokameras und Diktiergeräte werden immer günstiger, qualitativ besser und handlicher. Social Media (Twitter, Facebook, Blogs) haben die Krisenberichterstattung ebenfalls verändert: So haben durch den vereinfachten Zugang über mobile Endgeräte (durch Twitter oder „0.facebook.com“ gar auf älteren Mobiltelefonen) Menschen in infrastrukturell schwachen, armen Krisengebieten die Möglichkeit zur Rezeption und Transmission von Information. Diese Entwicklungen tragen zu Echtzeitkommunikation und medialer Demokratisierung (auch wenn zugleich neue Surveillance-Möglichkeiten entstehen) bei und schaffen neue Räume der Öffentlichkeit. Die Vermehrung internationaler Kanäle (BBC, Al-Jazeera, etc.) diversifiziert die internationalen Massenmedien und führt zu mehr zwischenmedialer Interaktion, aber auch zu einer Konkurrenz um Definitionsmacht (vgl. Livingston 1997/2003).

3 CNN-Effekt und Manufacturing Consent in Humanitären Krisen

Grundsätzlich existieren zwei Arten humanitärer Krisen: Naturkatastrophen und menschgemachte Katastrophen, sprich (Bürger-)Kriege. Die internationale Reaktion hängt von drei Faktoren ab, je nach Krisentyp variiert deren Einfluss: Humanitäre Präsenz und Tradition vor Ort; Intensität der Medienberichterstattung; politisches und ökonomisches Interesse von intervenierenden Staaten (vgl. Olsen et al. 2003). Während der erste Aspekt auf die operative Situation der Hilfsorganisationen abzielt, können der zweite und dritte respektive zur Überprüfung der Thesen des CNN-Effekts und des Manufacturing Consent genutzt werden oder aber mit der Synthese des MPI untersucht werden.

Generell ist in vielen humanitären Krisen außer bei Erdbeben und anderen unmittelbaren Ereignissen eine Standardpräsenz der Hilfsorganisationen zu beobachten, was auf die Kommerzialisierung und die Entstehung des sogenannten „contract fever“, zu dem die Berichterstattung ebenfalls beiträgt (vgl. Cooley/Ron 2002), zurückzuführen ist. Die Annahme, dass Pfadabhängigkeiten durch bereits bestehende humanitäre Präsenz vor allem in Langzeitkrisen eine Rolle spielen und das Organisationsinteresse der Akteure ein wichtiger Faktor ist, lässt sich durch Fälle wie z.B. Sudan oder DR Kongo bestätigen. Kurzfristige Notfälle werden von dieser Standardpräsenz jedoch selten adäquat bedient, sodass die zusätzlich benötigte Hilfe noch von weiteren, konjunkturellen Faktoren abhängt, u.a. der Menge und Art der Berichterstattung und dem politischen Willen der Geber. Die humanitären Akteure (bilaterale Organisationen wie USAID, NGOs wie Oxfam und multilaterale Organisationen wie die UN) brauchen die Medien aus diversen Gründen, wie Kommunikation mit Geberstaaten und der Mitglieder-/Spenderbasis, aber auch Mittelakquise oder Lobbyarbeit. Die Medien brauchen Hilfsorganisationen umgekehrt zu Zwecken der Information und des Zugangs und nicht zuletzt aufgrund ihrer eigenen kommerziellen Interessen (vgl. Höijer 2004 sowie “Enjoy Poverty“, Film von Renzo Martens). Dies hat dazu geführt, dass trotz moderner Monitoring-Systeme Hilfsorganisationen eher allokationsorientiert statt ergebnisorientiert arbeiten (vgl. Milner 2004). Ein Vergleich der Anzahl der Berichte in relevanten Massenmedien mit auch Allokationsstatistiken von UN oder OECD (oder auch Budgets militärischer Interventionen) belegt dies. Je höher das Medieninteresse, desto höher meist die finanziellen Zuwendungen aus den Geberstaaten. Dies muss jedoch nicht bedeuten, dass der CNN-Effekt ceteris paribus zum Tragen kommt, denn die Verteilung ist sowohl in Naturkatastrophen, als auch insbesondere in Bürgerkriegen selektiv und häufig politisch beeinflusst (vgl. Olsen 2000).

Damit eine humanitäre Krise adäquat beantwortet werden kann, muss sie also medial präsent sein. Ausgehend von der Nachrichtenwerttheorie gibt es einige Faktoren, die dem Mediatisierungspotential zuträglich sind: Humanitäre Krisen verfügen in der Regel über folgende Charakteristika: Herausragende Ereignisse im Rahmen einer Krise stimmen mit der Frequenz der Medien überein (z.B. Massaker, Epidemien). Diese Krisen sind meist eindeutig und bedeutsam (z.B. Hunger, Tod), überschreiten einen Schwellenwert (z.B. Opferzahlen, Ausmaß des Leids) und stimmen (dank vorheriger Krisen oder Klischees über Afrika o.ä.) mit den Erwartungen der Rezipienten überein. Der Überraschungseffekt trifft oft zu, da die breite Berichterstattung meist erst beginnt, wenn die Krise bereits im Gange ist (z.B. Hungersnot in Ostafrika 2011). Manche Katastrophen, wie Erdbeben, sind ohnehin per se überraschend. Zudem sind solche Krisen kontinuierlich, sie reihen sich in eine Tradition ein (vorherige Hungersnöte, z.B. Somalia 1992, Äthiopien 1985). Problematisch ist allerdings, dass Medien es nicht mehr automatisch als Nachricht betrachten, wenn Menschen in großer Zahl hungern oder in bewaffneten Konflikten ums Leben kommen. In Bezug auf die Variation kommt es darauf an, welche anderen Nachrichten gleichzeitig aufkommen: Humanitäre Krisen (und die beteiligten Hilfsorganisationen) müssen oft mit anderen Krisen um Aufmerksamkeit konkurrieren, wie beim Genozid in Ruanda und dem Bürgerkrieg in Liberia, denen durch den Bosnienkrieg 1994 viel Aufmerksamkeit verwehrt wurde. Hier spielt dann u.a. geographische Nähe eine Rolle. In Bezug auf die kulturabhängigen Faktoren gilt, dass es bei humanitären Krisen selten um Elitenationen oder Elitepersonen geht, da sie außerhalb der OECD-Staaten stattfinden. Hintergrundreportagen sorgen dagegen oft für Personalisierung und negativ sind solche Krisen ohnehin immer.

Wenn es nun Berichterstattung zu einer Krise gibt, muss untersucht werden, welche Faktoren für eine humanitäre oder militärische Intervention ausschlaggebend sind. Hier sind die vorgestellten Konzepte Manufacturing Consent und CNN-Effekt anwendbar. In Fällen, in denen das mediale Interesse gering ist und bei hohem Risiko zugleich kein politisches Interesse besteht, wird in der Regel eine militärische Intervention ganz ausbleiben, bzw. eine humanitäre unverhältnismäßig gering ausfallen. Beispiele, in denen diese Dynamik zutreffend ist, sind die Bürgerkriege in Sudan 1983-2005, Angola 1975-2002 oder Burundi 1993-2005 (vgl. Soderlund et al. 2008) aber auch die andauernden Konflikte in der Zentralafrikanischen Republik, im Niger und im Tschad. Die Flut in Pakistan 2010 und diverse Erdbeben in Zentralasien sind Beispiele für Naturkatastrophen, in denen dies ebenfalls zutrifft.

Ein hohes Medieninteresse muss dennoch keine nennenswerte Intervention zur Folge haben, wie der Konflikt in der DR Kongo oder der Genozid in Ruanda zeigen. In diesen strategisch marginalen Regionen mit hohem Risikopotential im Falle einer Intervention war die Dynamik von Manufacturing Consent entscheidend. Während im Fall Ruanda das folgende Beispiel Somalias entscheidend für die Nichtintervention war, so sah es in der DR Kongo 1996 aus als interveniere eine multilaterale Mission unter US-Führung. Kurz darauf gab es jedoch ein mediales „Re-Framing“, dass die humanitäre Situation sich verbessern würde, woraufhin die Intervention verworfen wurde (vgl. Hawkins 2002).

Ein klares politisches Interesse und somit eine Intervention gab es andererseits beim Erdbeben in Haiti 2010 (Immigrationsgefahr in die USA, Destabilisierung des amerikanischen „Hinterhofs“) und beim Tsunami in Indonesien (überregionales Ausmaß der Katastrophe). Der Afghanistankrieg fällt in die Kategorie eines klar vorhandenen sicherheitspolitischen Interesses, ähnlich wie die Interventionen im Kosovo, in Irak und jüngst in Libyen. Bei diesen Militärinterventionen gab es zudem geopolitische und ökonomische Interessen, die Elitenkonsens bzw. Politikgewissheit zugunsten der Intervention nach sich zogen. Wenn Regierungen intervenieren wollen, haben die Medien weder durch geringe noch durch hohe Berichterstattung tatsächlichen Einfluss auf die politische Entscheidungsfindung.

Ein CNN-Effekt kann eher zum Tragen kommen, wenn Regierungen nicht intervenieren wollen. Die britische Medienberichterstattung zu Sierra Leone legte 2000 den Grundstein für die britische Intervention. In Somalia wurden 1992 sicherheitspolitische Interessen mit den Interventionskosten verrechnet. Anfangs gab es jedoch auf dieser Basis keine Anreizstruktur. Dies änderte sich durch die Medienberichterstattung, die immens war und auf eine Intervention drängte. Der Effekt wurde verstärkt durch die innenpolitische Situation in den USA: Der geschäftsführende, aber scheidende Präsident Bush senior hatte Interesse daran, ein „friedenspolitisches und humanitäres“ Erbe zu hinterlassen und mögliche Konsequenzen einer Intervention nicht mehr zu befürchten. Zugleich drängten zahlreiche demokratische Senatoren ebenfalls auf eine Intervention, der resultierende Elitendissens feuerte die Medienberichterstattung an (vgl. Mermin 1997). Nach der Intervention und dem „Black-Hawk-Down“-Fiasko folgte der Abzug und die USA verloren vorerst das Interesse an derlei Interventionen. Vor diesem Hintergrund und der Tatsache, dass Ruanda geopolitisch weniger relevant war, weigerten sich die USA zwei Jahre später den Genozid zu verhindern, bzw. zu beenden.

Umgekehrt kann der Einfluss der Medien aber auch eine militärische Intervention verhindern, so geschehen im Falle Haitis 1994 als Bill Clinton auf eine Intervention drängte, auf Druck von Medien (und Opposition) aber eine andere Lösung vorzog: Putschgeneral Cédras wurde von einer Delegation unter Ex-Präsident Jimmy Carter weggelobt und der gewählte Präsident Aristide kehrte zurück.

Soderlund et al. haben festgestellt dass es eine Korrelation zwischen der Menge der Berichterstattung und der Intensität der internationalen Antwort gibt. Sie gehen davon aus, dass Medien sowohl quantitativ (~Priming) als auch qualitativ (~Framing) eine Rolle spielen und stellen folgendes fest: Vor Beginn einer Krise gibt es oft kaum Berichterstattung. Falls doch, ist ihr Einfluss auf Regierungen gering, da kein unmittelbares Bedrohungsszenario besteht. Anders gesagt bedeutet dies, dass der Nachrichtenwert (noch) gering ist. Während der Krise steigt die Wahrscheinlichkeit, nicht aber die Gewissheit einer konstanten Berichterstattung. Oft sind Trigger-Effekte mit hohem Nachrichtenwert nötig, um (internationale) Aufmerksamkeit zu erlangen. Massaker oder Flüchtlingsströme können hierzu beitragen. Sobald eine Krise überwunden ist, sinkt das Interesse, was einen fortdauernden CNN-Effekt bei Postkonfliktmaßnahmen unwahrscheinlich macht. Selektive Wahrnehmung und Kurzzeit-Mentalität der Hilfsorganisationen und Geber beeinflussen sich wechselseitig mit der Berichterstattung. Wie die Politik der Industrieländer ist Krisenberichterstattung so oft mehr Fluch als Segen für die Bekämpfung von Krisen und Konflikten, Langzeitbemühungen werden meist verhindert. Der Nachrichtenfaktor Negativität sortiert zudem Erfolgsmeldungen aus, was verzerrte Klischees über Krisenregionen schürt und Irrationalität-Frames begünstigt (vgl. Soderlund et al 2008/Jakobsen 2000).

4 Fazit

Die Rolle der Medien in Bezug auf humanitäre Krisen und deren internationale Beantwortung bleibt komplex und im Einzelfall unklar. Einerseits ist deutlich, dass im Rahmen des politökonomischen Systems der humanitären Hilfe und bei Militärinterventionen in Krisengebieten die Medien als sog. „gatekeeper“ (Livingston/Bennett 2003) zentrale Akteure sind, ohne die die Übermittlung von Information aus Krisenregionen kaum denkbar wäre; andererseits ist deren konkrete Wirkung schwer messbar. Zunächst hängt die Berichterstattung vom Nachrichtenwert einer solchen Krise ab. Dieser orientiert sich als notwendige Bedingung am Ausmaß der Krise. Zusatzfaktoren (wie bereits genannt: Zugang, Ressourcen, militärische Risiken, nationales Interesse, etc.) stellen hierbei eine hinreichende Bedingung dar. Auf dieser Basis können die angewandten Ansätze CNN-Effekt und Manufacturing Consent einige generelle Erklärungsmuster zu Tage bringen: Bei einer Krise, die kein militärisches Eingreifen erfordert (rein humanitäre Krisen) ist die Gefahr von Manufacturing Consent etwas geringer, ein CNN-Effekt dagegen theoretisch möglich. Im Bereich militärischer Intervention in Krisengebieten können theoretisch beide Dynamiken entstehen, Manufacturing Consent ist jedoch wahrscheinlicher. Nicht zuletzt spielen in humanitären Krisen auch Kommerzialisierung und Skandalisierung durch die Medien („Anybody here been raped and speaks English?“ vgl. Behr 1985) eine Rolle. Robinson’s MPI, das versucht beide Ansätze zu einer Konvergenz zu bringen, ist im Kontext von medialen Einflüssen auf humanitäre Krisen ein interessantes Analysekonzept um Macht- und Einflussstrukturen sowohl seitens der Politik als auch der Medien zu erkennen. Zugleich neutralisiert es die analytischen Schwächen des implizit politisch linksgerichteten Manufacturing Consent, aber auch die des weniger kritischen, eher (neo-)liberal ausgerichteten CNN-Effekts. Die zukünftige Beschäftigung mit dem Thema sollte von Anstrengungen geprägt sein, den noch jungen Ansatz des MPI weiterzuentwickeln um noch griffigere Erklärungs- und Analysemuster für die Interaktion von Medien und Politik in den internationalen Beziehungen, und insbesondere den Krisenherden dieser Welt, zu finden.

Literatur:

Behr (1985): Anyone Here Been Raped and Speaks English? New English Library, London.

Belknap (2001): The CNN-Effect. Strategic Enabler or Operational Risk? USAWC, Carlisle.

Cooley/Ron (2002): The NGO Scramble. Organizational Insecurity and the Political Economy of Transnational Action.
International Security, Boston.

Galtung/Ruge (1965): The Structure of Foreign News. Journal of Peace Research, London.

Hawkins (2002): The Other Side of the CNN Factor: the media and conflict. Journalism Studies, London.

Herman/Chomsky (1988): Manufacturing Consent. The Political Economy of the Mass Media. Pantheon, New York.

Höijer (2004): The discourse of global compassion: the audience and media reporting of human suffering. Media and Communication, Orebrø.

Jakobsen (2000): Focus on the CNN Effect Misses the Point: The Real Media Impact on Conflict Management is Invisible and Indirect. Journal of Peace Research, London.

Livingston (1997): Clarifying the CNN Effect: An Examination of Media Effects According to Type of Military Intervention. Harvard, Cambridge.

Livingston (2003): Diplomacy in the New Information Environment. Georgetown Journal of International Affairs, Georgetown.

Livingston/Bennett (2003): Gatekeeping, Indexing, and Live-Event News: Is Technology Altering the Construction of News? Political Communication, London.

Mermin (1997): Television News and American Intervention in Somalia: The Myth of a Media-Driven Foreign Policy. Political Science Quarterly, New York.

Milner (2004): Why Multilateralism? Foreign Aid and Domestic Principal-Agent Problems. Columbia University, New York.

Olsen (2000): Public Opinion and Development Aid: Is there a Link? CDR, Copenhagen.

Olsen et al. (2003): The discourse of global compassion: the audience and media reporting of human suffering. Disasters, London.

Robinson (2006): The CNN Effect Revisited. Critical Studies in Media Communication, London.

Shubham (2009): The Role of the Media in Foreign Policy: A Decision-Making. AMSAR Paper, Bangkok.

Soderlund et al. (2008): Humanitarian Crises and Intervention. Reassesing the impact of Mass Media. Kumarian, Sterling.

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