Goma. Anatomie einer Eroberung im weiteren Kontext

Am Vormittag des 20. November vermehrten sich die Agenturmeldungen und Kurznachrichten auf Twitter: Goma, die seit mehreren Tagen von der kongolesischen Rebellengruppe M23 (Bewegung des 23. März, laut einem gescheiterten Friedensabkommen) belagerte Provinzhauptstadt des Nordkivu, sei gefallen. Das Bild verdichtet sich, kurze Zeit später gibt es zahlreiche Bestätigungen dieser Nachricht und Goma fällt für etwa zwei Wochen in die Hände der Rebellen. Danach, zum Teil aus eigenem Ermessen, aber auch aufgrund internationalem and regionalem Druck zieht sich M23 wieder zurück. Was bedeutet dies für die ohnehin bereits seit Jahren krisengeschüttelte Gegend um den Kivusee?

Zunächst ist M23 nicht mehr und nicht weniger als eine von etwa 20-40 aktiven bewaffneten Gruppierungen im Osten des Kongo, die für teils ähnliche und teils divergierende Ziele gegeneinander und miteinander gegen die marode Regierungsarmee kämpfen. Ein brisanter Aspekt bei M23 ist jedoch, dass diese Gruppe fast ausschließlich aus Deserteuren der kongolesischen Armee FARDC besteht, die bereit vor wenigen Jahren einer mächtigen Rebellenarmee namens CNDP angehörten.

Seit einem beängstigenden Zwischenbericht der UN-Expertengruppe zum Konflikt im Kongo gilt M23 als Satellit ruandischer und ugandischer Interessen in der ostkongolesischen Grenzregion. Beide Nachbarstaaten verneinen dies bis heute und tatsächlich ist eine vollständige Steuerung von außen bislang nicht nachzuweisen. Allerdings zeigte sich in den vergangenen Wochen immer deutlicher, dass zwischen den Meuterern und den Regierungen in Kigali und Kampala gewisse Beziehungen bestehen (nicht zuletzt  basierend auf der gemeinsamen militärischen Karriere zahlreicher beteiligter Einzelpersonen).

Nach einer etwa zwei- bis dreimonatigen Waffenruhe und Festziehung der Frontlinien zwischen M23 und FARDC ist der schwelende Konflikt nun in den vergangenen Wochen dramatisch eskaliert und führte zu Eroberung von Goma. Ein Tag später die Veröffentlichung des Jahresberichts der UN-Experten, der die Unterstützung Ruandas und Ugandas erneut anprangert. Zugleich aber auch ein Fokus der Vereinten Nationen und der Weltöffentlichkeit auf den Gazastreifen. Die Schließung des Grenzübergangs nach Uganda der den M23-Rebellen bislang als Nachschubroute diente oder gar die zwischenzeitliche Kapitulation einer Reihe kongolesischer Milizführer, die mit M23 kollaboriert haben sollen, können im undurchsichtigen Gemengelage ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt haben.

Überprüfbare Erklärungen für die Situation sind nur schwer zu finden, weswegen leider allzu oft Vermutungen ihren Weg in die Berichterstattung auf globaler Ebene finden. Die Gefahr einer weiteren Destabilisierung des Ostkongo ist allerdings enorm seit der Machtübernahme von M23 in Goma, und bleibt unverändert nach deren Abzug, wie jüngste Übergriffe auf Flüchtlingslager gezeigt haben. Denn Zentralregierung wankt nun noch stärker als zuvor, während die Zugewinne von M23 eine sichtbare Einmischung von Nachbarstaaten, aber auch gewaltsame Opposition anderer bewaffneter Gruppierungen, wie den Raia Mutomboki oder verschiedenen Mayi-Mayi-Gruppen provozieren kann.

Einziges Faktum in einem Durcheinander von Gerüchten und Fehlinformationen – hierfür ist die Region nach den langwierigen Konflikten bekannt – ist, dass bis zu diesem Stadium der Eskalation die humanitären Konsequenzen noch nicht unmittelbar zu spüren sind, da sowohl FARDC als auch M23 darauf verzichtet haben, in Städten und Dörfern offene Konfrontationen einzugehen. Dies wird allerdings nur von kurzer Dauer sein, da die ohnehin schon große Zahl der intern Vertriebenen noch ansteigen, und somit die humanitäre und medizinische Situation rund um Goma sich verschlechtern wird.

Was dem Kongo helfen kann, ist neben einer ernsthafteren weltweiten Berichterstattung und einem seriöseren Engagement der internationalen Gemeinschaft vor allem ein allgemein sensibleres Verständnis von einem schier undurchdringbaren Konflikt, der nur zu oft auf Rohstoffkriminalität und Vergewaltigung reduziert wird. Die Ursachen der Konflikte im Ostkongo haben viele weitere sozio-ökonomische und ethnisch-politische Wurzeln als es gemeinhin vermutbar wäre. Die Landfrage in der dicht besiedelten Region, der Elitendissens und damit verbundene künstliche Ethnisierung, Zugang zu wirtschaftlichem und politischen Einfluss, die Einbettung lokaler Dynamiken in der regionalen Konflikt sind nur einige davon.

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