Einige Gedanken zur Analyse von Bürgerkriegen (II/III)

Dieses Essay steht in der Folge der bereits veröffentlichen Gedanken zum Konzept des Staatszerfalls.

Staatszerfall hat als mögliche, nicht notwendige Folge den kompletten Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung in Form von Bürgerkrieg. Bürgerkriege sind bewaffnete Konflikte die eine international anerkannte Regierung und deren Armee gegen eine oder mehrere Oppositionsgruppen stellen, die in der Lage sind, effektiven Widerstand gegen den Staat auszuüben. Die Gewalt muss dabei signifikant sein, mehr als 1000 Opfer in andauernden Kriegshandlungen fordern und innerhalb der Grenzen des Staates stattfinden, die Rebellen müssen im Land rekrutiert sein und einen Teil dessen kontrollieren. Wie Kaldor feststellte, waren die alten Kriege industrialisierte Kriege zwischen regulären Armeen von Staaten, die um den Sieg in der Schlacht rangen. Neue Kriege sind hingegen in niedriger Intensität geführte kleine, internationalisierte oder regionalisierte, privatisierte oder informelle Bürgerkriege. Meist sind verschiedene Faktoren oder Ursachen beim Ausbruch eines solchen Krieges entscheidend. Der Begriff der neuen Kriege sollte dabei nicht zwangsläufig evolutionistisch begriffen werden. Folgende Ursachen können Bürgerkriege nach sich ziehen:

Wirtschaftlich: Ökonom. Versagen, Gier, Groll, Ressourcen, Armut, Perspektivlosigkeit, Korruption

Politisch: Putsch, Sezession, Proxy-Kriege, regionales Umfeld, Sicherheitsdilemma

Sozial: Landkonflikte, Bildungslevel, soziale Polarisierung

Kulturell: ethnische Spaltung, sprachliche Spaltung, religiöse Spaltung

Operationell: Kooperationsprobleme, Rationalisierung und/oder Transnationalisierung von Gewalt

Seit einigen Jahren liegt das Augenmerk der Forschung auf ökonomischen Erklärungen für Bürgerkriege und die gesteigerte Relevanz von Ressourcen seit Ende des Kalten Kriegs. Eine Kriegsökonomie ist ein System, das Ressourcen produziert und mobilisiert, um Gewalt aufrecht zu erhalten. Dies impliziert eine zirkuläre Dynamik, denn sie kann ebenso umgekehrt funktionieren. Im Gegensatz zu Korruption als Grund für Bürgerkriege lebt die Kriegsökonomie vom Gebrauch von Gewalt zum Zweck wirtschaftlicher Akkumulation. Es gibt offene und geschlossene Bürgerkriegsökonomien, die sich darin unterscheiden, ob Ressourcen oder Akteure außerhalb des Kriegsgebietes Einfluss nehmen oder nicht. Le Billon et al. haben folgende Typologie entwickelt:

  • (Staatliche Kriegsökonomie): kein klassischer Fall
  • Guerrilla-Kriegsökonomie: Bevölkerung unterstützt legitimen Rebellenkampf
  • Räuberische Kriegsökonomie: Ertrag durch Plünderung der Bevölkerung/Geiselnahmen/Zölle
  • Bündnis-Kriegsökonomie: Finanzielle und materielle Unterstützung aus dem Ausland
  • Humanitäre Kriegsökonomie: Ausbeutung von EZ und humanitärer Hilfe (direkt/indirekt…)
  • Kommerzielle Kriegsökonomie: Handel/Verkauf von Rohstoffen durch Kriegsparteien

Die meisten dieser Typen existieren nirgendwo in Reinform, sondern eher in gemischter Weise. Zudem sind Bürgerkriegsökonomien in aller Regel durch einen Mix aus legalen, semi-legalen und illegalen Wirtschaftsaktivitäten gekennzeichnet. Ein klares Merkmal im Vergleich zu anderen bewaffneten Konflikten ist, dass es nicht mehr um einen klassischen militärischen Sieg geht, sondern, wie Keen frei nach Clausewitz festgestellt hat, „um die Fortsetzung von Wirtschaft mit anderen Mitteln“ die eine Beendigung von Kriegshandlungen wenig erstrebenswert werden lässt, da Krieg das Umfeld bietet, indem die wirtschaftlichen Aktivitäten der relevanten Akteure bestmöglich gedeihen. Solch eine Dynamik ist wiederum kaum möglich, wenn die Legitimität und Autorität des Staates nicht bereits durch Staatszerfall gekennzeichnet ist und die westfälische Staatlichkeit somit infrage steht, was eine wesentliche Vorraussetzung für den Aufbau von autonom kontrollierten Gebieten und das Entstehen eines Gewaltoligopols ist. Der bereits geschwächte Staat wird meist durch Einschleusen von Waffen oder Kriegern über externe Nachschubwege weiter strapaziert, weswegen der Typus der offenen Kriegsökonomie weitaus stärker verbreitet ist. Günstige Faktoren sind schlecht kontrollierte Grenzen, Machtkonzentration auf Metropolen, globale Verfügbarkeit von Waffen nach dem Kalten Krieg, Kommunikationstechnik, „tragbare“ Rohstoffe, Privatisierung von Sicherheit, wirtschaftliche Disparitäten, externe Interventionen, dysfunktionale Institutionen oder zersplitterte Machtstrukturen.

Rebellengruppen in Colliers Modell von Gier und Groll sind durch wirtschaftliche Anreize zur Gewalt motiviert ist. Daher seien Rebellionen oder Bürgerkriege wahrscheinlicher, wenn die Triebfeder in der Gier der Konfliktparteien besteht. Die Wahrscheinlichkeit steige mit dem Anteil von Rohstoffen am BIP, der Proportion von jungen Männern in der Gesellschaft und einem niedrigen Bildungslevel. Hinzu komme, dass die bei Groll auftretenden Probleme kollektiven Handelns („Trittbrettfahrer“, „Zeitkonsistenz“ und „Koordination“) durch Gier neutralisiert würden. Im Falle von Groll als Motivation für Rebellion existierten folgende Faktoren: Ethnischer und religiöser Hass (hier eher dichotomische Polarisierung als absoluter Diversität), wirtschaftliche Ungleichheit, das Fehlen politischer Rechte und ökonomisches Versagen der Regierung. Problematisch am Ansatz ist die Vernachlässigigung der Annahme, dass oft eine Mixtur beider Aspekte vorherrscht. Collier’s Modell basiert außerdem auf Korrelationen, deren genauer Zusammenhang aufgrund problematischer Datenlage schwer zu analysieren ist, zudem hat Ross jüngst in einem most-likely-cases design gezeigt, dass manche Schlüsse des Modells falsch sind. Obwohl die Korrelation von Ressourcenvorkommen und Bürgerkrieg außer Frage steht, kritisiert er den Determinismus zahlreicher Studien und belegt, dass Gier keine kausale Ursache für Bürgerkriege ist, sondern lediglich ein Grund für deren Verlängerung. In etwa lässt sich dasselbe für Groll feststellen. Weiterhin sei es möglich, dass ein Bürgerkrieg zum Ressourcenfluch führe und nicht umgekehrt oder dass eine Drittvariable beides provoziere. In seiner Studie zeigt sich, dass Ressourcen in Bürgerkriegen generell zwar eine Rolle spielen, aber die Art des Einflusses vom Charakter des Bürgerkriegs abhängt.

Ein weiterer Unterschied liegt darin, ob das Ressourcenvorkommen den Bürgerkriegsbeginn beeinflusst, oder seine Dauer. Je nachdem wie der Einfluss von Ressourcen wirkt, ein Bürgerkrieg verlängert oder verkürzt, in seiner Intensität geschwächt oder verstärkt werden. Dabei spielt es vor allem eine Rolle, um welche Art von Ressourcen (in Bezug auf Transport und Abbau) es geht, wie Le Billon gezeigt hat: Wichtig ist dabei, wo sie vorkommen (nahe oder fern der Metropole) und wie sie vorkommen (konzentriertes oder zersplittertes Vorkommen) und nicht zuletzt, wie sie von den Beteiligten als Ressource historisch und sozial konstruiert wurde (Stichwort Diamanten). Im letzteren Kontext ist das Zusammenspiel lokaler Extraktionsweisen und globaler Marktlage entscheidend für den Einfluss der Ressource auf den Konflikt. Hierunter fallen Phänomene wie dutch disease in betroffenen Staaten. Ähnlich wie Ross und andere widersetzt sich Le Billon Colliers Theorem und stellt fest, dass Ressourcen eher dazu benutzt werden einen bestehenden Krieg fortzuführen (oder zu einer Kriegsökonomie umzuwandeln) als dass sie den Krieg ultimativ auslösen. Für Letzteres seien immer noch politische oder identitätsbezogene Aspekte relevanter. Colliers Ansatz gilt außerdem als rebellenzentriert, daher ist es wichtig anzumerken, dass auch andere Akteure wesentlichen Einfluss auf eine Bürgerkriegsökonomie nehmen, jeweils abhängig vom konkreten Typus und der Konfliktgeschichte. So nehmen an einer Bürgerkriegsökonomie folgende Akteure in der Regel teil: Rebellengruppen, Warlords, staatliche Akteure (Militär, Regierung/Bürokratie), in- und ausländische ökonomische Akteure, andere Staaten und die Zivilbevölkerung vor Ort /letztere meist gezwungenermaßen) aber auch Friedenstruppen.

Weiterführende Literaturangaben:

Chabal Patrick/Daloz, Jean-Pascal (1999): Africa Works. Disorder as a Political Instrument (African Issues). James Currey, London.

Collier, Paul (2000): Doing well out of war. An economic perspective, in: Berdal, Mats/Malone, David M. (Hrsg.): Greed and Grievance. Economic Agendas in Civil Wars. Lynne Rienner, Boulder/London, S. 91–112.

Cramer, Christopher (2006): Civil War is not a Stupid Thing. Accounting for Violence in Developing Countries. Hurst, London.

Doyle, Michael W./Sambanis, Nicholas (2006): Making War and Building Peace. Princeton University Press, Princeton.

Kaldor, Mary (1999): New and Old Wars. Organized Violence in a Global Era. Stanford University Press, Stanford.

Keen, David (2008): Complex Emergencies. Polity Press, Malden.

Le Billon, Philippe et al. (2000): The Political Economy of War: What Relief Agencies need to know. HPN Network Paper. ODI, London.

Le Billon, Philippe (2001): The Political Ecology of War: Natural Resources and Armed conflicts. Political Geography, Vol. 20, S. 561–584.

Le Blanc, Johannes (2010): Gewaltökonomien und ihre externe Eindämmung, in: Jäger, Thomas (Hrsg.): Die Komplexität der Kriege. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 162–178.

Prunier, Gérard (2009): From Genocide to Continental War. Hurst, London.

Reno, William (1998): Warlord Politics and African States. Lynne Rienner, Boulder.

Ross, Michael L. (2004): How Do Natural Resources Influence Civil War? Evidence from Thirteen Cases. International Organisation, Vol. 58, Nr. 4, S. 35–67.

Veit, Alex (2011): Warlord: Nutzen und Mängel einer negativen Kategorie, in: Jäger, Thomas/Beckmann Rasmus (Hrsg.): Handbuch Kriegstheorien. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 487–497.

Vlassenroot, Koen/Menkhaus, Ken/Raeymaekers, Timothy (2008): State and non-state regulation in African protracted crises: governance without government? Afrika Focus, Vol. 21, Nr. 2, S. 7–21.

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